Helens Weg

Helen hält es im Haus nicht mehr aus. Sie  flieht in den Garten. Dort schaut sie sich unschlüssig um, sieht Unkraut, bückt sich, reißt es aus,  lässt es dann aber einfach liegen. Die Erde im Rosenbeet ist verkrustet, sie sollte die Hacke holen, um sie zu lockern. Keine Stunde, dann wäre es geschafft. Anschließend könnte sie sich mit dem guten Gefühl, Notwendiges umgehend erledigt zu haben, auf den Feierabend freuen. Sie weiß das, doch aufraffen kann sie sich dazu nicht, schlendert stattdessen  einfach weiter. Ohne es recht zu bemerken, drängt sie sich durch die Büsche im hinteren Teil des Gartens und bleibt schließlich am Zaun, der das Grundstück nach Süden hin abschließt, stehen. Von hier aus hat sie einen weiten Blick über die angrenzenden Felder und Wiesen bis hin zu den Erhebungen des Oberlandes. Ganz hinten in der Ferne, halb verborgen im Dunst des Spätnachmittags, erahnt sie die Kette der Alpen mehr, als dass sie sie sieht.

Die Alpen – wie lange ist es her, dass sie auf einem ihrer Gipfel stand?
Helen weiß es nicht mehr. Sie seufzt, holt ihren Blick zurück  und richtet ihn auf das Rapsfeld hinter dem Zaun. Behäbig und trügerisch zeitlos wogt es hin und her in der leichten Brise, die schon den ganzen Tag über weht. Noch stehen die Pflanzen saftig grün da, doch die gelben Blüten sind schon vergangen. An ihre Stelle sind Schoten getreten, in denen sich die schwarzen Samen entwickeln. Ein paar Wochen noch, dann werden die Halme braun und dürr sein, die Schoten dafür prall gefüllt – reif für die Ernte. Wachsen, fruchten und vergehen – so ist es halt auf dieser Welt, nichts ist von Dauer, einmal muss ein Ende sein.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch vermag das grüne Bauernland das Auge zu beruhigen und den Geist zu besänftigen.  Und noch mischt sich am Feldrain der Klatschmohn leuchtend rot ins Grün. Helen lächelt bei seinem Anblick. Er erinnert sie an unbeschwerte Ferien bei den Großeltern auf dem Lande. An grüne Wiesen mit Kuhfladen, an Kaulquappen im Bach, an zerrissene Kleider und aufgeschlagene Knie, an das lächelnde Kopfschütteln des Großvaters, an die tröstenden Arme der Großmutter und ganz besonders an die frische Limonade, die sie selber herstellte. Eine einzigartige Köstlichkeit, wie Helen sie nie wieder hat finden können. Nun sind die Großeltern schon so lange tot. Manchmal will Helen scheinen, je mehr Zeit vergeht, umso größer wird ihre Sehnsucht nach ihnen und nach der Unbeschwertheit, die sie ihr schenkten.

Schon wieder hat ihr Sinnieren sie zur Vergänglichkeit geführt. Von da ist es nur ein kleiner Schritt hin zu ihrer Ehe, denn auch die ist vergangen. Für Außenstehende mag das noch nicht merkbar sein, zumindest hofft Helen, dass es so ist, doch vor sich selber kann sie diese Tatsache nicht länger leugnen. Alles, was sie und Heiner gemeinsam tun, tun sie aus Gewohnheit und vermutlich auch, um nach außen hin den schönen Schein einer intakten Partnerschaft zu wahren. Innen hingegen herrscht nichts als graues Einerlei, ein lustloses Nebeneinander, tagein tagaus.
Helen seufzt. Sie denkt daran, dass es Paare gibt, bei denen es ganz anders ist. Bei Isabell, ihrer Freundin und Karl, deren Mann, zum Beispiel. Zwei Stunden mag es her sein, sie und Isabell saßen zusammen bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse, da kam Karl ein paar Stunden früher als erwartet von einer Geschäftsreise nach Hause. Wie seine Augen vor Freude leuchten, als er seine Frau ansah, mit wieviel Zärtlichkeit er sie in seine Arme zog, wie sie sich daraufhin an ihn schmiegte – Sekunden nur und doch ein Bild für die Ewigkeit. So jedenfalls erschien es Helen, die für einen Moment das Glück ihrer Freunde ganz so genoss, als sei es ihr eigenes. Doch dann war es, als schwebe ein Teil von ihr über der Terrasse. Aus der Vogelperspektive betrachtete sie das Paar in seiner Umarmung. Sich selber sah sie ein gutes Stück von ihnen entfernt, nicht nur allein sondern isoliert. Das Glücksgefühl wich aus ihrem Körper,  Einsamkeit trat an seine Stelle, und mit einem Mal fühlte sie sich ausgestoßen und gänzlich verlassen. Ein Ruck ging durch ihren Körper, sie spürte den Boden wieder unter ihren Füßen, doch die Betroffenheit blieb. Sie wolle nicht stören, stammelte sie, aber nach Hause … sie müsse nun dringend nach Hause. Zwar registrierte sie den fragenden Gesichtsausdruck der Freunde, dennoch drehte sie sich schnell um, hob, schon im Gehen, die Hand –bis bald- und machte sich davon.

Das Bild des einander so sehr zugeneigten Ehepaares aber geht ihr nicht mehr aus dem Sinn. Wie ein transparentes Foto liegt es über der Landschaft vor ihren Augen. Wehmut überkommt sie, als sie daran denkt, dass es Zeiten gab, in denen Heiner und sie in gleicher Weise voneinander angetan waren. Wann ist ihnen das verloren gegangen? Wie konnte es dazu kommen? Sie weiß keine Antwort, nur dass es so niemals mehr sein wird, das ist ihr in diesem Moment gänzlich klar. Hinter ihren Augen brennen Tränen. Sie kann sie nur mit Mühe zurückhalten.
Ob Heiner diese Zeit wohl auch manchmal vermisst?
Nein, sagt sie sich, das kann nicht sein, denn wenn das so wäre, dann hätte er sie doch ganz sicher in ihrem Bemühen unterstützt, die schleichende Entfremdung zwischen ihnen zu überwinden, darin, neue Gemeinsamkeiten zu schaffen. Das aber hat er nicht nur nicht getan, im Gegenteil, jede einzelne ihrer Bemühungen hat er entweder ins Lächerlich gezogen, barsch oder auch gar nicht auf sie reagiert.
Und nun?
Wie soll das alles weitergehen?
Helen weiß sich keinen Rat. In ihrer Kehle hat sich ein dicker Kloß eingenistet, und dann taucht auch noch ein anderer Gedanke plötzlich in ihr auf.
Was, wenn Heiner eine Geliebte hätte?
Eine andere Frau, mit der er sich heimlich trifft, die ihm die Zärtlichkeit und die Nähe gibt, die er bei ihr nicht mehr bekommt? Von ihr nicht mehr haben will, verbessert sie sich. Die sie ihm auch nicht mehr geben will, ergänzt sie. Dann ist es auf einmal ganz still in ihr, Gänsehaut läuft über ihren Rücken, und eine tiefe Sehnsucht überkommt sie. Sie wünscht sich Arme, die sie halten,  eine Schulter, an die sie sich von Zeit zu Zeit lehnen kann. Ihr ist tieftraurig zumute, doch  gleichzeitig spürt sie freudige Verheißung. Sie weiß nicht, was sie von all dem halten soll, und zu allem Übel wird ihr auch noch schwindelig. Rasch greift sie nach dem nächsten Zaunpfahl, hält sich an ihm fest, lehnt sich gegen ihn. Das rissige Holz schneidet in ihre Finger, der Schmerz bringt sie ein wenig zu sich, sie schüttelt heftig mit dem Kopf: Nein, nicht Heiner, ihn will sie auf keinen Fall mehr, in seinen Armen will sie nie mehr sein,  an seine Brust will sie sich nie mehr lehnen. Aber das Verlangen ist da, sie kann es nicht leugnen, und sie denkt an einen anderen Mann. An keinen bestimmten, den gibt es nicht in ihrem Leben, und wenn sie realistisch ist, und sie ist immer schon ein Mensch gewesen, der auf dem Boden der Tatsachen steht, dann wird es den auch niemals geben können, denn sie ist verheiratet, da sind die Kinder, da ist dieses Haus …

Das Schwindelgefühl hat sich gelegt, sie richtet sich auf und löst ihre Finger von dem Pfahl. Jetzt, da sie sich eingestanden hat, wie sie wirklich für Heiner empfindet, fühlt sie sich besser. Nur das Hin und Her in ihrem Innern ist noch immer da – aufgeregt flatternde Schmetterlinge vermischen sich mit  angsteinflößender Dunkelheit. Helen weiß nicht, was sie davon halten soll. Sie atmet tief ein und aus, beschließt sodann, sich an die Schmetterlinge zu halten und fest an das Positive zu glauben, was immer es auch sein mag. Allmählich kommt Gelassenheit über sie, etwas löst sich in ihr, und als ihr Blick noch einmal auf den roten Mohn fällt, geht ihr der Begriff Resilienz durch den Kopf. Er beschreibt das, wofür insbesondere auch ihre Großeltern die Basis in ihr gelegt haben, die psychische Kraft nämlich, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, ohne bleibende Beeinträchtigungen davonzutragen. Unwillkürlich blickt Helen zum Himmel hinauf.
„Danke“, flüstert sie, dreht sie sich um, geht zum Schuppen, greift nach der Hacke und macht sich an die Arbeit.

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