Giulia & Julia – eine neue Geschichte entsteht

An einem heißen Tag im Sommer war ich mit dem Auto unterwegs. Als ich an  einer Kreuzung warten musste,  vertrieb ich mir die Zeit damit,  die Häuser entlang der Straße zu betrachten.
Ein Anwesen fiel mir ins Auge. Eine hohe Hecke, darüber das obere Dreieck eines weißen Giebels, viel mehr sah ich nicht. In meinem Kopf aber formte sich sogleich die Idee zu einer Geschichte. Der Gedanke daran ließ mich nicht mehr los. Daheim angekommen, setzte ich mich hin und begann damit, erste Abläufe zu skizzieren.

Giulia – die Frau, die aus Florenz nach München kam
Julia – die Frau, die schon immer hier lebte.
Sie betrachten sich aus der Ferne, machen sich Gedanken übereinander, vergleichen sich, beneiden sich …

Hier nun der zweite Teil vom einander gewahr werden.

Julia

Inmitten eines Schwarms silbrig glänzender Fische gleitet sie durch türkisgrüne Wasserwelten. Am Grund unter ihr bewegen seltsam geformte Wesen ihre Tentakel im Rhythmus der Strömung. Sie leuchten in allen Regenbogenfarben. Es ist, als umgarnten sie einander, näherten sich an, nur um sich gleich darauf wieder zurückzuziehen und sich dem Nachbarn auf der anderen Seite zuzuwenden. Sie schaut fasziniert auf sie herab, Schöneres hat sie nie gesehen. Eine ganze Weile geht das so. Sie gleitet immer weiter hinein in ein Gefühl von Freiheit und Weite. Dann ist ihr, als träfe sie ein warmes, goldenes Strahlen. Woher kommt das auf einmal? Sie blickt sich suchend um, dann entdeckt sie Licht, das durch das Wasser bis zu ihr dringt. Sie wendet sich ihm zu, streckt sich ihm entgegen und erwacht.

Langsam verblasst das farbenfrohe Bild, die Wärme aber bleibt. Sie scheint von rechts zu kommen, von der Seite, auf der das Fenster ist. Julia richtet sich auf, öffnet die Augen und blinzelt, als die ersten Sonnenstrahlen dieses Sonntags sie treffen. Sie muss am Abend vorher vergessen haben, die Vorhänge zu schließen, komisch, das ist ihr noch nie passiert. Sie lässt sich zurück auf ihr Kissen fallen, hat auf einmal einen unverwechselbaren Geruch in der Nase, schnuppert. Mit der Erinnerung steigt ein unbändiges Verlangen in ihr auf. Ohne zu überlegen, wirft sie die Decke beiseite, springt aus dem Bett und sprintet ins Bad. Nach Zähneputzen und Katzenwäsche streift sie den Bikini über, anschließend den Jumpsuit aus leichter Baumwolle, der noch von gestern am Schrank hängt. Rasch schnürt sie die Joggingschuhe, schnappt sich ein Badetuch, nimmt die Wohnungsschlüssel, springt die drei Treppen hinunter und macht sich im Laufschritt auf den Weg.

Sechs Uhr, schätzt Julia, als sie die Wärme der immer höher emporsteigenden Sonne in ihrem Rücken spürt. Sie verlangsamt ihre Schritte, nimmt sich Zeit, die morgenfrische Luft genüsslich tief in ihre Lungen zu ziehen. Gleich wird sie das Oval aus Büschen und Bäumen erreicht haben, in dessen Mitte der See liegt. Riechen kann sie ihn schon. Sie spurtet los, im Nu ist sie an ihrem Ziel angekommen. Ganz außer Atem von dem rasanten Lauf, schnappt sie gierig nach Luft und sieht dabei über das Wasser. Es kräuselt sich in einer leichten Morgenbrise, die Kieselsteine am flachen Ufer bewegen sich sanft hin und her. Julia meint, ein leises Raunen zu vernehmen. Das Schilf raschelt seinen Beitrag dazu, seine dicken, braunen Kolben nicken behäbige Zustimmung, der See riecht seinen ewig alten Sommerduft. Julia atmet ihn tief ein, spürt ihm nach mit geschlossenen Augen – moorig braun und erdig, dazwischen grün wie frische Algen. Sie breitet die Arme aus, streckt sie hoch in die Luft, jauchzt und dreht sich einmal um sich selber. Sie erschrickt vor ihrem eigenen Jubel, hält inne, wirft einen prüfenden Blick in die Runde – keine Sorge, noch ist sie ganz allein hier draußen. Mit ein paar Handgriffen entledigt sie sich ihrer Kleidung und geht sodann vorsichtig über die Kieselsteine zum Wasser. Sie steigt hinein, schaudert, als es ihr bis über die Knie reicht und genießt seine Frische, als sie es an ihren Hüften spürt. Dann stößt sie sich vom Grund ab, ein lautes Platschen ertönt, schon taucht sie in den See, schwimmt unter Wasser dahin – allein und frei.

Ein gutes Stück vom Ufer entfernt taucht sie wieder auf, holt zuerst prustend Luft und krault dann quer über den See zur gegenüberliegenden Seite. Es ist nicht weit, vielleicht zweihundert Meter, die schafft sie locker, denn geschwommen ist sie immer gerne. Den Rückweg legt sie langsamer zurück, dreht sich mitunter auf den Rücken, lässt sich treiben. Sie beobachtet, wie das frühmorgendliche Blassblau des Himmels allmählich in ein strahlendes Sommertagsblau übergeht. Dabei denkt sie an die Woche Urlaub, die vor ihr liegt. Für ein paar Tage wird sie frei sein von allen Verpflichtungen. Frei auf der ganzen Linie, denn Gabriel, ihr schon erwachsener Sohn, der immer noch bei ihr lebt, ist gestern nach Oberitalien aufgebrochen. Er absolviert gerade sein Referendariat in einem Münchener Gymnasium und begleitet, zusammen mit anderen Lehrern, eine Klasse auf Exkursionsfahrt. Es ist nicht so, dass sie ihn nicht gerne bei sich hätte. Sie denkt auch lieber nicht daran, dass er eines nicht mehr fernen Tages ausziehen und eine eigene Wohnung, vermutlich sogar in einer anderen Stadt, haben wird. Aber sie weiß auch, wie wichtig es ist, dass junge Leute sich auf die eigenen Füße stellen. In ihrem Beruf als leitende Sozialpädagogin in der Familien- und Jugendberatung hat sie schon allzu oft beobachten müssen, wie negativ die Folgen mitunter sind, wenn dies nicht geschieht.

Julia streckt sich weit und genüsslich in jede einzelne Schwimmbewegung hinein, nebenbei macht sie Pläne. Ausschlafen kommt darin vor und Frühstück im Caféhaus, Lesen bis Mitternacht, Wein auf dem Balkon und mindestens ein Besuch in der Pinakothek.

Schon ist sie wieder am diesseitigen Ufer angekommen und steigt aus dem Wasser. In kleinen Bächen läuft es an ihrem Körper hinab, sie schaudert in der frischen Luft, spürt, wie Gänsehaut sie überzieht und eilt zu ihrem Badetuch. Rasch schlingt sie es sich um den Körper, schmiegt sich fest hinein, dann lächelt sie glücklich. Es ist nicht nur die Abkühlung am Morgen nach einer warmen Nacht in den schon aufgeheizten Mauern der Stadt, die ihr dieses Gefühl von Freiheit schenkt, es ist auch das ganz mit sich allein zu sein, hier draußen am noch verwaisten See. Und da ist auch wieder dieser ganz besondere Duft des Wassers … ihn liebt sie seit damals, als sie zusammen mit …
Julia schüttelt energisch den Kopf, das ist so viele Jahre her, das hat heute keine Bedeutung mehr für sie. Sie war in der Lage, die Erinnerungen zu besiegen und ihnen ihren schmerzhaften Stachel zu ziehen, dabei soll es bleiben.

Sie hört Stimmen, die sich schnell nähern, blickt auf und  sieht eine Gruppe junger Leute, die auf Fahrrädern dem See zustreben. Zwar steuern sie eine Stelle am Ufer an, die von dort, wo sie steht, ein gutes Stück weit entfernt ist, doch sie hat ihr Bad genossen, es ist Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Ihre Haut ist unter dem Handtuch mittlerweile getrocknet, schnell springt sie in ihre Kleider. Während sie die Schuhe zubindet, horcht sie in sich hinein um zu ergründen, was ihr zum Frühstück schmecken könnte.
Rührei oder ein gekochtes? Brot oder Semmeln, eine Breze vielleicht? Käse und Schinken.
Bevor sie noch zu einer Entscheidung gelangt ist, hat sie sich schon auf den Weg gemacht. Mit schnellen Schritten schreitet sie der Sonne entgegen, geradewegs hinein in diesen Sonntag.
Nicht lange, dann verlangsamt sie ihr Tempo. Der rasche Lauf vorhin und das anschließende Schwimmen im See haben doch mehr Energie verbraucht, als sie es für möglich gehalten hätte. Es fehlt ihr, das muss sie sich eingestehen, am Training. Das will sie ändern und beschließt, an jedem der kommenden Urlaubstage konsequent jeweils einige Kilometer zu laufen.

Für den Moment aber schreitet sie gemächlich auf dem Feldweg dahin und blickt um sich. Zu ihrer Linken erstreckt sich Grasland, zu ihrer Rechten wogt Getreide, soweit das Auge reicht. Immer wieder und besonders am Ackerrand, mischt sich leuchtendes Rot ins Grün, spärlich noch, aber Julia weiß, bald wird es viel mehr sein, die Blütezeit des Klatschmohns hat gerade erste begonnen. Freude wallt in ihr auf, denn in ihrer Erinnerung steht er für sonntägliche Ausflüge mit der Großmutter und deren Bekannten aufs Land, für Picknick im Grünen, Toben mit den anderen Kindern ohne auf Autos oder Nachbarn, die sich belästigt fühlen könnten, achten zu müssen, für Sommer, für Freiheit! Sie lächelt still in sich hinein, wie unbeschwert ihre Kindheit und Jugend doch war. Die andere Klatschmohn-Erinnerung aber, die ganz im Hintergrund versucht auf sich aufmerksam zu machen, verscheucht sie mit abwehrendem Kopfschütteln.

Die ersten Häuser kommen in Sicht. Während sie dem Weg weiter folgt, betrachtet Julia sie. Wie es wohl wäre, in einem von ihnen zu leben? Sie scheinen sehr geräumig, die Gärten ähneln Parks. Es müsste schön sein, viel Platz zu haben für die Familie und für sich selbst natürlich auch, eine große Terrasse, vielleicht sogar einen Pool.
Das könnte ihr schon gefallen, gesteht sie sich ein. Sie spürt sogar ein ganz klein wenig Sehnsucht danach. Doch gleich darauf schimpft sie sich undankbar. Beengt hat sie nie leben müssen, in Wohnungen zwar, doch an Raum hat es nie wirklich gefehlt. Nicht in der Vierzimmerwohnung ihrer Großmutter über deren Lebensmittelladen im Großmarktviertel in München Sendling, während ihrer Ehe nicht, und auch jetzt nicht in der geräumigen Dreizimmerwohnung hier am Rande der Stadt.
Sie hat wirklich keinen Grund, neidisch auf andere Leute zu sein. Um sich abzulenken, widmet sie sich erneut der Planung ihres Frühstücks. Rührei wäre gut, das gönnt sie sich selten, dazu eine doppelte Portion Milchkaffee aus ihrer großen Lieblingstasse vom Töpfermarkt, ein Schälchen mit Melonenstücken und als Krönung eine ofenfrische Breze, die sie auf dem Weg zu ihrer Wohnung bei dem Bäcker einkaufen könnte, der auch am Sonntag geöffnet hat – ein solches Frühstück ist dem ersten Urlaubstag angemessen. Julia spürt auf einmal einen Bärenhunger, sie beschleunigt ihre Schritte.

Der Weg führt sie nun so nah an die Häuser heran, denen gerade ihre sehnsüchtigen Gedanken galten, dass sie Einzelheiten erkennen kann. Die ihr zugewandten Häuserfronten und die in ihre Richtung abfallenden Gärten davor, liegen zwar noch im Schatten, doch hier und da ist schon ein Fenster geöffnet, auf der Terrasse ganz am Rande der Häuserzeile scheint jemand zu stehen. Julia kommt näher und meint, eine Frau erkennen zu können, schmal, mit langem dunklem Haar, gekleidet in ein ebenfalls dunkles Gewand, das bis zum Boden reicht. Sie betrachtet sie im Näherkommen und hat den Eindruck einer eleganten Erscheinung – kein Wunder in dieser Umgebung.
Julia zuckt mit den Schultern, drängt ein Empfinden, das beinahe schon wieder Neid in sich trägt, ärgerlich beiseite und schreitet kräftiger aus. Nach einer kleinen Weile hat sie das Gefühl von Blicken, die auf sie gerichtet sind. Sie scheinen von der Frau auf der Terrasse zu kommen, Julia ist irritiert und ohne nachzudenken, blickt sie zu ihr hinauf. Für einen kurzen Moment sehen die zwei Frauen sich an, dann unterbrechen am Wegrand wachsende Büsche den Kontakt. Als Julia an ihnen vorüber geschritten ist und noch einmal zum Haus schaut, ist die Frau zwar verschwunden, doch ihr Anblick beschäftigt sie weiter. Mittelgroß, schlank, dunkles Haar, das sich bis weit über ihre Schultern ringelt, das dunkle, in der Mitte gebundene Gewand, das alles erinnert sie an etwas, bloß an was, darauf kommt sie nicht. Der Weg steigt an und führt nun direkt am Gartenzaun des Anwesens vorbei, in dem jene Frau vermutlich lebt. Julia betrachtet es aus den Augenwinkeln. Dann wird sie plötzlich gewahr, dass dort, wo der Weg in eine Straße übergeht, der Zaun in einer hohen Hecke endet, die fortan das Grundstück gegen Blicke von außen abschirmt.

Ein stattliches Haus, umgeben von einer extrem hohen Hecke, das trifft man nicht so oft an, dabei ist es Julia, als habe sie so ein Anwesen vor nicht langer Zeit erst gesehen. Wo war das noch? Und warum ist das überhaupt von so großem Interesse für sie? Sie überlegt, und dann fällt ihr der Besuch bei einer alleinerziehenden Mutter ein, die in großer Sorge um ihre halbwüchsige Tochter war. An einem grauen Tag im Vorfrühling hat sie sie in ihrer Wohnung im achten Stock eines Hochhauses hier ganz in der Nähe aufgesucht. Beim Blick aus dem Fenster stach ihr dieses Anwesen ins Auge. Sie schreckte zurück, verschob das Nachdenken über diese ungewöhnliche Reaktion auf später und wandte sich dem Gespräche mit der besorgten Mutter zu. Seitdem hat sie nicht mehr an dieses Haus gedacht. Dabei, so beschließt Julia, wird es auch bleiben, viel wichtiger ist es, sich Gedanken über den vor ihr liegenden Tag zu machen.

Selbst im Urlaub hält sie sich lieber an einen vorher gefassten Plan – das ist ihre Natur, außerdem kann sie ihre Zeit auf diese Weise viel besser nutzen. Heute allerdings will es ihr nicht gelingen, ihre Pläne in eine Reihenfolge zu bringen. Es ist wie verhext, die Frau auf der Terrasse geht ihr nicht aus dem Sinn. Ihr scheint, als würden sie und ihre Umgebung an etwas rühren, das ihr Unterbewusstsein nicht preisgeben will, eine … hier stocken ihre Überlegungen. Es läuft ihr kalt den Rücken hinunter, sie beschleunigt ihre Schritte, läuft beinahe und kann sich doch nicht vom dem Gedanken lösen, dass da tief in ihr etwas ist, das nach außen drängt. Würde einer ihrer Klienten ihr von einem solch bohrenden Empfinden berichten, wüsste sie ganz genau, was sie ihm raten würde, nämlich unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei ihr ist das aber ganz etwas anderes, sie ist mehr oder weniger vom Fach, das sollte doch reichen – oder?

 

.

Hier gelangen Sie zu den Geschichten

Hier gelangen Sie zum Archiv


Copyright Marie Wilhelmsen 2020