Giulia & Julia

 

Giulia die Frau, die aus Florenz nach München kam
Julia – die Frau, die schon immer hier lebte.
Sie betrachten sich aus der Ferne, machen sich Gedanken übereinander, vergleichen sich, beneiden sich …

 

Hier nun der erste Teil von einander gewahrwerden

Giulia

Es ist früher Morgen an diesem ersten Sonntag im Juni. Der Tag verspricht, heiß zu werden, doch noch ist die Luft herrlich kühl. Giulia hat im ganzen Haus die Fenster weit geöffnet, als letztes ist der Wintergarten an der Reihe. Mit geübtem Griff zieht sie die großen Glastüren auf, tritt hinaus auf die Terrasse und saugt die morgendliche Frische tief in ihre Lungen. Um sie herum ist alles ruhig. Ihre Familie ist schon früh zu einer Segeltour auf dem nicht weit entfernten Starnberger See aufgebrochen, sie aber hat es vorgezogen, heute zu Hause zu bleiben. Sie habe das Gefühl, eine Erkältung bahne sich bei ihr an, hat sie ihnen gesagt. Das allerdings war eine glatte Lüge. Die rechtfertigt sie vor sich selber mit dem Hinweis, mitunter sei es besser zu einem solchen Mittel zu greifen, als Mann und Kinder mit der Aussage, sie gingen ihr im Moment schrecklich auf die Nerven, vor den Kopf zu stoßen.
Das schon wieder aufkeimende schlechte Gewissen schiebt sie beiseite, hebt die Arme weit in die Luft, streckt sich und beschließt, zuerst einmal ausgiebig zu frühstücken. Sie ist gerade im Begriff, sich umzudrehen, da fällt ihr Blick auf das an ihr Grundstück angrenzende Getreidefeld. Über Nacht hat dort der erste Klatschmohn die grünen Kelchblätter gesprengt. Nun leuchten seine Blüten zwischen all dem Roggengrün in anziehendem Rot. Noch sind es wenige, der Juni hat gerade erst begonnen, doch bald schon werden es viele sein. Dann wird es wieder so sein, wie zu der Zeit, als Giulia dieses Haus entdeckte.

Damals war sie auf einer der Radtouren unterwegs, die sie immer dann unternahm, wenn sie alleine für sich sein wollte. Es tat ihr gut, die Stadt hinter sich zu lassen, und ohne ein  bestimmtes Ziel auf Feldwegen durch die Landschaft zu radeln. Sie genoss den unverstellten Blick, hielt innere  Zwiesprache mit sich selber, fühlte sich für eine köstliche Weile ungebunden und frei.
So war es auch dieses Mal gewesen. Aber dann war es, auch wie jedes Mal, viel zu schnell Zeit geworden, sich auf den Heimweg zu machen. Widerwillig nur hatte sie ihn angetreten, und um die Augenblicke der Freiheit noch ein wenig auszudehnen, ihr Tempo verringert.
Von Nordwesten kommend, näherte sie sich den ersten Häusern der Stadt. Sie radelte auf der Straße zwischen ihnen einige hundert Meter weit dahin, bevor sie anhielt, um einem Auto seine Vorfahrt zu lassen. Es fuhr gemächlich, und während sie darauf wartete, dass sie ihren Weg fortsetzen  konnte, fiel ihr Blick auf ein Anwesen, das rechts von ihr auf der anderen Straßenseite lag. Es war von einer derart hohen Hecke aus dunklen Zypressen umgeben, dass von dem Haus dahinter kaum etwas zu sehen war. Nur das helle Dreieck der Giebelspitze überragte die dunkelgrüne Wand. Bis auf die Höhe der Hecke gab es auf den ersten Blick nichts Spektakuläres zu sehen, dennoch erwachte in Giulia der dringende Wunsch, näher hinzuschauen. Rasch stieg sie vom Rad, schob es über die Straße und folgte der bei genauerer Betrachtung arg verwilderten Hecke so lange, bis sie zu einem schmiedeeisernen Tor gelangte. Es war voller Rost und hing zudem so schief in seinen Angeln, dass es offensichtlich nicht mehr geschlossen werden konnte.  Giulia stupste es an. Es schwang auf, kreischte  dabei aber derart laut,  dass sie zusammenzuckte und sich nach einem Schreckmoment vorsichtig umsah. Wahrscheinlich würde gleich jemand auftauchen,  um sich danach zu erkundigen, was sie hier zu suchen hätte.
Eine Antwort wollte ihr nicht einfallen, auf die Idee, rasch davon zu radeln, kam sie dennoch nicht. Wie angewurzelt stand sie da und lauschte. Vögel raschelten in den Zweigen, ein Auto fuhr auf der Straße hinter ihr vorbei, eine rot getigerte Katze eilte vor ihr über einen mit Platten belegten Weg, der vermutlich zum Haus führte, das sie von ihrem Standpunkt aus allerdings nicht sehen konnte. Ansonsten blieb alles ruhig, nur Giulias Herz pochte mächtig gegen ihre Rippen. Sie wusste, sie hätte umkehren sollen, doch sie ignorierte das Stoppschild, das ihre Vernunft ihr hinhielt, machte noch ein paar Schritte vorwärts, stand endgültig auf dem fremden Grundstück und konnte nun auch das Haus sehen. Langgestreckt lag es zu ihrer Rechten. Es übte einen Sog auf sie aus, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie wandte sich ihm vollends zu, betrachtete es eingehend, und was sie sah, beeindruckte sie. Das Haus bestach durch eine unaufdringlich elegante Selbstverständlichkeit, mit klaren Linien und einer absolut symmetrischen Aufteilung von Eingangstür und Fenstern. Ein tief herunter gezogenes Dach mit breitem Überstand bot den Mauern Schutz vor den mitunter heftigen Winden, die in diesem Landstrich gerne von Südwesten her wehen, und vor den Niederschlägen, die sie häufig mit sich führen. Zwar ließ der Zustand des Hauses zu wünschen übrig, dennoch nahm es sie so sehr für sich ein, dass sie sogleich Bilder davon im Kopf hatte, wie es einstmals hier gewesen sein mochte.
Sie sah das Heim einer großen Familie, erfüllt von Leben und Lachen, von Freunden und Verwandten, die zu Besuch kamen. Sie dachte an ruhige Stunden unter einem Baum, von denen es sicherlich etliche gab, dort drüben, im weitläufigen Garten. Diese Zeiten schienen nun vorbei, das Haus verlassen. Giulia meinte, seine Einsamkeit mit Händen greifen zu können.  Sie verharrte einen Moment und spürte diesem Empfinden nach. Dann schüttelte sie energisch den Kopf, vertrieb die Melancholie, die sie überkommen wollte, ging noch ein paar Schritte weiter ins Grundstück hinein und sah sich eingehend um. Sie sah Rosenbüsche und blühende Stauden, die entlang des Plattenweges wuchsen, der zum Haus und offensichtlich auch um es herum führte. Außerdem war da  eine weite Rasenfläche, die sich  nach Südwesten hin neigte. An einigen Stellen wurde sie von  Ziersträuchern in den verschiedensten Grüntönen unterbrochen, die dort, wo sie blühten, kleine Inseln aus Weiß und Rosa bildeten.
Das Gras war wohl schon lange nicht mehr gemäht, die Rosen und Sträucher lange nicht mehr geschnitten worden. Überall zwischen ihnen wucherte Unkraut. Giulia machte ein paar weitere Schritte auf das Haus zu. Vor den beiden Steinstufen, die hinauf zur Eingangstür führten, verhielt sie ihre Schritte.  Aus der Nähe sah sie, dass der Putz dunkle Flecken und an einigen Stellen auch breite Risse aufwies. Von den ehemals weißgestrichenen Sprossenfenstern blätterte die Farbe ab, die Scheiben waren blind vor Schmutz, Tür und Fenster schienen hermetisch abgeriegelt. Giulia nahm all diese Mängel durchaus wahr, doch sie schreckten sie nicht ab, im Gegenteil, das Haus erschien ihr mit jedem Blick anziehender. Sie stieg die beiden Steinstufen hinauf. Oben  angekommen, zögerte sie keine Sekunde sondern betätigte sogleich die Klingel, die kein Namensschild trug. Sie schepperte laut, und Giulia dachte an leere Räume.  Sie wartete gespannt, doch nichts tat sich.  Keine Schritte näherten sich, kein Fenster wurde geöffnet, nur die Vögel sangen, die rote Katze von vorhin erschien wie aus dem Nichts, flitzte an ihr vorbei und verschwand in der Hecke.
Giulia wurde mutiger. Sie folgte dem Plattenweg oberhalb der Rasenfläche und gelangte zu einem Wintergarten, der samt vorgelagerter Terrasse in südwestlicher Richtung an das Haus angebaut war. Überall in den Ecken lagen halbverrottete Blätter, die der Wind dorthin geweht haben musste. Sie stammten sicherlich noch aus dem vergangenen Herbst, was den Schluss nahelegte, dass sich schon länger niemand mehr um dieses Anwesen gekümmert hatte.  Giulia drehte sich um, bemerkte, dass das Grundstück nur dort von der hohen Hecke umgeben war, wo es unmittelbar an die Straße angrenzte, ansonsten aber nur von einem eher niedrigen Drahtzaun. Somit hatte sie freie Sicht über die im Südwesten angrenzenden Felder. Sie stand da, blickte über sie hin, und dann lächelte sie. Das Getreide stand schon hoch auf seinen Halmen. Wie Wasser in einer leichten Dünung schien es wieder und wieder an den Zaun zu schlagen. Es war durchsetzt mit den leuchtend roten Blütenköpfen des Klatschmohns. Sie schwangen mit ihm im gleichen Rhythmus und erinnerten Giulia an die Felder ihrer Heimat. Ihre Mutter hatte ihr die Liebe zu diesen Blumen vererbt.  Früher, als sie noch bei ihrer Familie in Florenz gelebt hatte, waren sie jedes Jahr gemeinsam hinaus aufs Land gefahren, immer dann, wenn der Klatschmohn blühte.
Im letzten Jahr nun, war ihre Mutter gestorben. Ganz unerwartet über Nacht war sie gegangen. An manchen Tagen konnte Giulia immer noch nicht glauben, dass sie sie in diesem Leben niemals mehr würde sehen können, niemals mehr ihre Stimme hören, niemals mehr … Eine Träne rollte über ihre Wange, und Giulia seufzte tief – dieser Ort würde ihrer Mutter gefallen. Ihr gefiel er auch. Es müsste schön sein, hier zu leben.

Eine aus dem Augenwinkel wahrgenommene Bewegung auf dem mit Buschwerk gesäumten Feldweg, der in Sichtweite an ihrem Anwesen vorbeiführt, reißt Giulia aus ihren Erinnerungen. Eine hell gekleidete Gestalt geht dort unten entlang. Daran ist eigentlich nichts Bemerkenswertes, immerhin ist es ein öffentlicher Weg, der neben landwirtschaftlichen Fahrzeugen häufig von Spaziergängern und Radlern genutzt wird. Giulia selber tut es immer wieder auf ihren Touren ins Umland. Warum sie heute genauer hinsieht, und der Spaziergängerin -sie ist mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der Person auf dem Weg um eine Frau handelt- mit den Augen folgt, könnte sie nicht erklären, sie stellt sich diese Frage aber auch nicht. Mit flotten, raumgreifenden Schritten schreitet die Fremde dahin. Plötzlich wendet sie ihren Kopf und sieht ihr direkt in die Augen. Der Blickkontakt dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, denn gleich darauf verdecken am Wegrand wachsende Büsche die Wanderin. Eine Täuschung, denkt Giulia, verlässt die Terrasse und macht sich auf den Weg in die Küche.

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