Niemals mehr

Der geheimnisvolle Rabe

Ein Tag im November. Nebel verstellt den Blick. Er schluckt alle Geräusche und macht die Menschen einsam. Im Geäst der blattlosen Büsche hocken Raben.

Schon den ganzen Tag über wabert grauer Nebel um das Haus. Er verschluckt jedes Geräusch, beschränkt die Sicht. Kalt und wie erstarrt liegt die Welt vor meinen Fenstern. Feuchte Schleier überziehen die blattlosen Bäume und Büsche mit tropfender Nässe. Sie verwandeln sie in gespenstige Figuren, auf derer Köpfen und Schultern Rabenvögel sitzen.

Schwarzen Schatten gleich, hocken sie bewegungslos im Geäst und starren unablässig auf das Haus. Mir ist, als könnten sie durch die dicken Mauern blicken, als beobachteten sie jeden meiner Schritte. Ihre abgehackten Schreie sind das Einzige, das von Zeit zu Zeit die Stille durchbricht. Bei jedem einzelnen dieser Laute zucke ich zusammen, kalte Schauer laufen über meine Haut, in meinem Kopf raunt es  nevermore.

Eine ganze Weile stehe ich am Fenster und sehe hinaus zu den großen Vögeln. Während ich die schwarzen Gesellen beobachte, fällt mir ein, dass es zwei Raben sind, von denen berichtet wird, sie seien in alter Zeit die Begleiter des nordischen Göttervaters Odin gewesen. Seine Vertrauten, so erzählt man sich, diejenigen, die ihn über die Dinge informierten, die in der diesseitigen Welt geschahen. Ob sie wohl auch eine Botschaft für mich hätten?

Als die Dämmerung einsetzt, wird der Nebel noch dichter. Nicht lange, dann erheben sich die düsteren Vögel in einem Schwarm und machen sich mit lauten Schreien zu ihren Nachtquartieren auf. Alle, bis auf einen. Der sitzt weiterhin stumm auf seinem Ast, schaut in Richtung Haus und rührt sich nicht. Nach und nach verschmilzt er mit der immer schneller hereinbrechenden Dunkelheit.

Als es endlich vollständig Nacht ist, stehen Nebel und Finsternis als undurchdringliche Wand vor meinen Fenstern. Sie nehmen mir jede Sicht in den Garten, ich bin froh darum. Endlich bleibt es mir erspart, die Tristess dort draußen weiterhin ansehen zum müssen, die in meinem Inneren ist schon schwer genug zu ertragen.

Ich knipse die beiden Lampen an, die auf den Fensterbänken stehen, zünde Kerzen an, verteile sie im Zimmer, lege im Kamin ein paar Scheite Holz nach. Das Feuer lodert hell auf. Als ich mich umsehe, weiß ich, dass der Raum nun wohlige Wärme und Behaglichkeit ausstrahlt, nur spüren kann ich sie nicht. Tief in mir hat sich Verzweiflung eingenistet. Sie lässt mich unentwegt frösteln, keine noch so heimelige Umgebung vermag es, sie zu mildern, geschweige denn zu vertreiben.
Wohl wissend, dass dieses Empfinden absoluter Kälte mit äußeren Maßnahmen nur schwer zu bekämpfen ist, nehme ich  eine flauschige Decke und schiebe die Sofakissen in der Couchecke zusammen. Dorthinein lasse ich mich sinken, kuschele mich auf die ausladenden Polster, anschließend ziehe ich die Decke über mich.

Es könnte gemütlich sein, und ich erinnere mich an vergangene Abende, an denen ich es ausgiebig genossen habe, so hier zu liegen, in einem fesselnden Buch zu lesen oder einfach nur vor mich hin zu denken. Neben mir auf dem Tisch stand dann ein Glas Wein, an dem ich von Zeit zu Zeit zufrieden nippte. Damals war ich eins mit mir selber, heute hat ein solches Empfingen keine Chance.

Ich bin unfähig, zu vergessen, dass es gerade eine Woche her ist, dass wir hier zusammen lagen. Ganz genau an dieser Stelle war es – die gleichen Kissen, die gleiche Decke. Kerzen, die den würzigen Duft von Bienenwachs verströmten, ein hell loderndes Feuer im Kamin. Sein orangerot glimmendes Herz erschien uns wie die Verheißung für eine gemeinsame Ewigkeit in Liebe und Wärme. Von Verlangen und Nah-sein-wollen flüsterten wir einander zu, hielten uns, küssten uns. Unsere Hände gingen auf Wanderschaft, unsere Lippen auch. Wir liebten uns und genossen ausgiebig diesen einen besonderen Moment, in dem unsere Welt still stand. Wir badeten im strahlenden Blick des anderen, scherzten miteinander, lachten gemeinsam. Unsere Beziehung, ein paar Monate alt erst und doch unendlich erfüllend, war uns ein sicherer Hafen, stabil, durch nichts in Gefahr zu bringen.

Doch nun liege ich hier allein.
Ich will es nicht glauben, strecke meine Hände aus nach dir, doch ich kann dich nicht erreichen. Ich schließe meine Augen und sende beschwörende Gedanken hinaus in die Weite. Sie sollen dich finden, dir sagen, wie sehr du mir fehlst. Doch sie kommen unverrichteter Dinge zu mir zurück. Tränen der Verzweiflung rinnen über mein Gesicht. Ich wische sie nicht ab, lasse ihnen ihren Lauf und hoffe, dass sie meinen Kummer mit sich nehmen und meinen Schmerz damit lindern.

Aus den Lautsprecherboxen dringt eine traurige Ballade. Von verlassen werden handelt sie und von ewiger Liebe. Jedes einzelne Wort scheint tief aus meiner eigenen Seele zu kommen. Vielleicht wären fröhlichere Klänge besser, so denke ich, doch gleichzeitig weiß ich auch, dass ich die nicht würde ertragen können, wie Hohn wären sie in meinen Ohren.

Zum x-ten Mal frage ich mich, was es gewesen sein konnte, das diesen Wandel zwischen uns bewirkt hat. Zum x-ten Mal muss ich mir eingestehen, dass ich keine Antwort habe. Ich weiß es nicht, alles Nachdenken hilft nichts. Ich kann nicht ergründen, warum du unsere Beziehung auf Eis legen wolltest
Eis, ja, das trifft es exakt!
In dem Lachen, dass in meiner Kehle aufsteigt, ist kein bisschen Fröhlichkeit, nur bittere Enttäuschung und eine Hilflosigkeit, die mich rasend gemacht hätte, wäre ich in der Lage, die Kraft dafür aufzubringen.

Du brauchst Abstand, sagtest du, warum, das ließest du offen. Ich fragte nicht nach.
Warum nicht?
Vielleicht war es der Schock, vielleicht war ich beleidigt und deshalb trotzig, oder verletzt, viel zu verletzt, um in diesem Moment noch reden zu wollen.
„Es ist gut, wenn das so ist, dann nimm Abstand, nimm so viel davon wie du brauchst!“
Es war mir ernst damit, und das ist es noch, doch es tut auch höllisch weh.

Langsam versiegen die Tränen, ich schließe meine Augen, dein Bild steht vor mir. Mein Herz tut weh vor lauter Sehnsucht, in meinem Bauch ballt sich tiefes Verlangen nach deiner Berührung. Ich strecke mich dir entgegen, wie ich es so oft getan habe. Gleich … gleich werde ich dich spüren … werde erwachen, in deinen Armen sein und wissen, dass alles nur ein böser Traum war. Der Nebel, der geheimnisvolle Rabe, diese verdammte Einsamkeit, das Gefühl, niemals mehr ganz sein zu können, niemals mehr unbeschwert lachen – niemals mehr. Doch nichts geschieht. Ich spürte dich nicht, öffne meine Augen und sehe, dass du nicht bei mir bist, irgendwo bist, nirgendwo.

Ich denke an den Raben, der in Kälte und Dunkelheit ausgeharrt hat. Ich frage mich, ob er wohl immer noch dort draußen sitzt mit starrem Blick auf dieses Haus. In mir regt sich Angst, doch da ist auch Neugier.
Will er mir etwas sagen?
Weiß er wo du bist, wie es dir gerade ergeht?

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