Vermischtes

Klatschmohn – Kindheitserinnerungen
veröffentlicht Juli 2018
 

Giulia und Julia

Es war an einem Sonntagnachmittag. Missmutig, denn ich langweilte mich schrecklich, stand ich im Hof des bäuerlichen Anwesens meiner Familie.
„Mach dich bloß nicht schmutzig und lauf nicht weg!“ Das hatte meine Mutter mir befohlen, als sie mir widerwillig gestattete, in meinem weißen Kleid, das sie mir extra für den Ausflug mit Freunden in ein Café in der nächstgelegenen Kleinstadt  angezogen hatte, hinaus zu gehen. Wie ich dieses Kleid hasste! Es schränkte meine Bewegungsfreiheit ein, außerdem hatte es am Hals und an den kurzen Ärmeln einen unangenehm kratzenden Spitzenbesatz.

Sicher würde es noch ewig dauern, bis meine Eltern kämen und wir uns auf den Weg machen konnten. Um mir die Zeit zu vertreiben, kickte ich ein paar Steine über den Boden. Das wurde mir schnell langweilig, also  sah ich mich um, ob sich nicht Interessanteres finden ließe.  Nicht lange, dann fiel mein Blick auf den Klatschmohn, der das Weizenfeld jenseits des Weges säumte. Er leuchtete heute sehr viel intensiver als gestern. Dieses  Rot der Blüten zog mich derart magisch an, das ich beschloss, die Zeit zu nutzen und ihn mir aus der Nähe anzusehen. In der festen Überzeugung, dass gegen  bloßes Schauen  nicht einmal meine Mutter etwas einzuwenden haben könnte, machte ich mich auf den Weg.

Die seidigen Blüten gefielen mir ausnehmend gut. Gewiss würden auch meine Mutter und meine Oma sie mögen und sich sehr darüber freuen, wenn ich ihnen einige davon brächte. Der gute Vorsatz war vergessen, ich rupfte ein  paar Stängel ab und trug sie heim. Just als ich den Hof, auf dem ich eigentlich hätte ausharren sollen, wieder betrat, kamen meine Eltern aus dem Haus. Meine Mutter erstarrte.  Klatschmohn gehört zu den Wolfsmilchgewächsen. Der Saft, der nach dem Pflücken aus den Stängeln ausgetreten war, hatte hässliche Flecken auf meinem weißen Kleid hinterlassen.

Welche Strafe ich mir mit meinem Wunsch, Mutter und Oma eine Freude zu machen, einhandelte, weiß ich nicht mehr. Allzu schlimm wird sie nicht gewesen sein, denn immer, wenn ich Klatschmohn sehe, ob nun in der Natur oder auf Bildern, auf Porzellan gebrannt oder auf Stoff gedruckt, denke ich zurück an meine Kindheit. Es ist ein sehr schönes Erinnern.

Ich hoffe, dass auch Ihr Blick in die Vergangenheit Sie schmunzeln lässt. Ein wenig wehmütig vielleicht, vor allen Dingen aber mit viel Dankbarkeit für die Menschen, die die Basis gelegt haben, auf der ein Leben gelingen kann.

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