Klatschmohnsommer

 

Es war ein warmer Nachmittag im Frühsommer, als ich das Auto, mit dem ich unterwegs war, an einer roten Ampel stoppen musste. Um mir die Wartezeit zu vertreiben, sah ich aus dem Fenster und musterte die Häuser in meinem Blickfeld. Eins fiel mir ganz besonders auf. Zwar konnte ich nicht viel mehr von ihm sehen, als sein weißes Giebeldreieck, der Rest verbarg sich hinter einer enorm hohen Hecke, doch auf unerklärliche Weise fesselte mich gerade dieser Anblick. Das Bild ging mir nicht aus dem Kopf, eine Idee keimte auf.
Sie erhielt zusätzliche Nahrung, als ich an einem Getreidefeld vorbeifuhr, in dem der Klatschmohn wunderbar rot leuchtete.
Daheim angekommen, setzte ich mich hin, skizzierte meine Idee und meine Eindrücke. Im Laufe der Zeit wurde „Klatschmohnsommer“ daraus.

Nach und nach werde ich die einzelnen Kapitel hier an dieser Stelle veröffentlichen und ich lade Euch ein, zu lesen und zu erfahren, ob Julia und Giulia nicht vielleicht doch mehr gemeinsam haben, als nur den Namen.

 

1 Giulia – Sonntagvormittag 

Der Tag verspricht, heiß zu werden, doch noch ist die Luft herrlich kühl. Giulia hat im ganzen Haus die Fenster weit geöffnet, als letztes ist der Wintergarten an der Reihe. Sie zieht die großen Glastüren auf, tritt hinaus auf die Terrasse und saugt die morgendliche Frische tief in ihre Lungen. Um sie herum ist alles ruhig. Ihr Mann und die Kinder beschließen das Wochenende mit einer Segeltour auf dem Starnberger See. Sie hat es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Sie habe das Gefühl, eine Erkältung bahne sich an, hat sie ihnen gesagt – eine glatte Lüge. Aber besser so, als Mann und Kinder mit der Aussage, sie gingen ihr im Moment schrecklich auf die Nerven, vor den Kopf zu stoßen. Das aufkeimende schlechte Gewissen schiebt sie beiseite, hebt die Arme weit in die Luft, streckt sich und beschließt, zuerst einmal ausgiebig zu frühstücken. Sie wendet sich zum Haus, dabei fällt ihr Blick auf das Getreidefeld, das an ihr Grundstück angrenzt. Über Nacht hat dort der erste Klatschmohn die grünen Kelchblätter gesprengt. Nun leuchten seine Blüten zwischen all dem Roggengrün in anziehendem Rot. Noch sind es wenige, der Juni hat gerade erst begonnen, doch bald schon werden es viele sein, genau wie zu der Zeit, als Giulia dieses Haus entdeckte.

Damals ist sie auf einer der Radtouren unterwegs gewesen, die sie immer dann unternahm, wenn sie alleine für sich sein wollte. Es tat ihr gut, die Stadt hinter sich zu lassen, und ohne ein bestimmtes Ziel auf Feldwegen durch die Landschaft zu radeln. Sie genoss den unverstellten Blick, hielt innere Zwiesprache mit sich selber, fühlte sich für eine köstliche Weile ungebunden und frei.
Wie jedes Mal, wurde es auch damals viel zu schnell Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Nur widerwillig trat sie ihn an. Um die Augenblicke der Freiheit noch ein wenig auszudehnen, verringerte sie ihr Tempo.
Von Nordwesten kommend, näherte sie sich den ersten Häusern der Stadt. Sie folgte der Straße einige hundert Meter weit,  bevor sie anhielt, um einem Auto die Vorfahrt zu lassen. Gemächlich glitt es an ihr vorbei, und während sie darauf wartete, dass sie ihren Weg fortsetzen konnte, fiel ihr Blick auf ein Anwesen, das rechts von ihr auf der anderen Straßenseite lag. Es war von einer derart hohen Hecke aus dunklen Zypressen umgeben, dass von dem Haus dahinter kaum etwas zu sehen war. Nur das helle Dreieck der Giebelspitze überragte die dunkelgrüne Wand. Bis auf die Höhe der Hecke gab es auf den ersten Blick nichts Spektakuläres zu sehen, dennoch erwachte in Giulia der dringende Wunsch, näher hinzuschauen. Rasch stieg sie vom Rad, schob es über die Straße und folgte der verwilderten Hecke so lange, bis sie zu einem schmiedeeisernen Tor gelangte. Voller Rost hing es dermaßen schief in seinen Angeln, dass es offensichtlich nicht mehr geschlossen werden konnte. Giulia stupste es an. Es schwang auf, kreischte dabei aber so laut, dass sie zusammenzuckte und sich nach einem Schreckmoment vorsichtig umsah. Wahrscheinlich würde gleich jemand auftauchen, um sich danach zu erkundigen, was sie hier zu suchen hatte.
Eine Antwort wollte ihr nicht einfallen, auf die Idee, rasch davonzuradeln, kam sie nicht. Wie angewurzelt stand sie da und lauschte. Vögel raschelten in den Zweigen, ein Motor heulte auf, eine rot getigerte Katze eilte vor ihr über einen mit Platten belegten Weg, der vermutlich zum Haus führte. Ansonsten blieb alles ruhig, nur Giulias Herz pochte mächtig gegen ihre Rippen. Sie wusste, sie hätte umkehren sollen, doch sie ignorierte das Stoppschild, das ihre Vernunft ihr hinhielt, machte noch ein paar Schritte vorwärts, stand endgültig auf dem fremden Grundstück und konnte nun auch das Haus sehen. Langgestreckt lag es zu ihrer Rechten. Es übte einen Sog auf sie aus, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie wandte sich ihm vollends zu, betrachtete es eingehend, und was sie sah, beeindruckte sie.

Das Haus bestach durch eine unaufdringlich elegante Selbstverständlichkeit, mit klaren Linien und einer absolut symmetrischen Aufteilung von Eingangstür und Fenstern. Ein tief heruntergezogenes Dach mit breitem Überstand bot den Mauern Schutz vor den mitunter heftigen Winden, die in diesem Landstrich gerne von Südwesten her wehen, und vor den Niederschlägen, die sie häufig mit sich führen. Zwar ließ der Zustand des Hauses zu wünschen übrig, dennoch nahm es sie so sehr für sich ein, dass sie sogleich Bilder davon im Kopf hatte, wie es einstmals hier gewesen sein mochte.
Sie sah das Heim einer großen Familie, erfüllt von Leben und Lachen, von Freunden und Verwandten, die zu Besuch kamen. Sie dachte an ruhige Stunden im Schatten eines Baumes mit ausladender Krone. Diese Zeiten schienen vorbei, das Haus verlassen. Giulia meinte, seine Einsamkeit mit Händen greifen zu können. Sie verharrte einen Moment und spürte diesem Empfinden nach. Dann schüttelte sie energisch den Kopf, vertrieb die Melancholie, die sie überkommen wollte, und ging noch ein paar Schritte weiter. Entlang des Plattenweges, der zum Haus und offensichtlich auch um es herum führte, wuchsen Rosenbüsche und blühende Stauden. Eine weite Rasenfläche neigte sich nach Südwesten hin. An einigen Stellen wurde sie von Ziersträuchern in den verschiedensten Grüntönen unterbrochen, die dort, wo sie blühten, kleine Inseln aus Weiß und Rosa bildeten.
Das Gras war schon lange nicht mehr gemäht, die Rosen und Sträucher lange nicht mehr geschnitten worden. Überall dazwischen wucherte Unkraut. Giulia ging immer weiter auf das Haus zu. Vor den beiden Steinstufen, die hinauf zur Eingangstür führten, blieb sie stehen. Aus der Nähe sah sie, dass der Putz dunkle Flecken und an einigen Stellen auch breite Risse aufwies. Von den ehemals weißgestrichenen Sprossenfenstern blätterte die Farbe ab, die Scheiben waren blind vor Schmutz, Tür und Fenster schienen hermetisch abgeriegelt. Giulia nahm all diese Mängel durchaus wahr, doch sie schreckten sie nicht ab – im Gegenteil, das Haus erschien ihr mit jedem Blick anziehender. Entschlossen stieg sie die beiden Steinstufen hinauf und drückte auf die Klingel. Ein lautes Scheppern ertönte. Giulia wartete mit klopfendem Herzen, doch nichts geschah. Keine Schritte näherten sich, kein Fenster wurde geöffnet, nur die Vögel sangen, die rote Katze von vorhin erschien wie aus dem Nichts, flitzte an ihr vorbei und verschwand in der Hecke.
Giulia wurde mutiger. Sie folgte dem Plattenweg oberhalb der Rasenfläche und gelangte zu einem Wintergarten, der samt vorgelagerter Terrasse in südwestlicher Richtung an das Haus angebaut war. Überall in den Ecken lagen halbverrottete Blätter, die der Wind schon im vergangenen Herbst dorthin geweht haben musste. Giulia drehte sich um, bemerkte, dass das Grundstück nur dort, wo es unmittelbar an die Straße angrenzte, von der hohen Hecke umgeben war, ansonsten lediglich von einem eher niedrigen Drahtzaun. Somit hatte sie freie Sicht über die im Südwesten angrenzenden Felder. Sie stand da, blickte über sie hin und lächelte.
Das Getreide stand schon hoch auf seinen Halmen. Wie Wasser in einer leichten Dünung schien es wieder und wieder an den Zaun zu schlagen. Es war durchsetzt mit den leuchtend roten Blütenköpfen des Klatschmohns. Sie schwangen mit ihm im gleichen Rhythmus und erinnerten Giulia an die Felder ihrer Heimat. Ihre Mutter hatte ihr die Liebe zu diesen Blumen vererbt. Früher, als sie noch bei ihrer Familie in Florenz gelebt hatte, waren sie jedes Jahr gemeinsam hinaus aufs Land gefahren, immer dann, wenn der Klatschmohn blühte.
Ein Jahr zuvor war ihre Mutter gestorben. Ganz unerwartet über Nacht ging sie davon. An manchen Tagen konnte Giulia immer noch nicht glauben, dass sie sie in diesem Leben niemals mehr sehen würde, niemals mehr ihre Stimme hören, niemals mehr … Eine Träne rollte über ihre Wange, und Giulia seufzte tief – dieser Ort würde ihrer Mutter gefallen. Ihr gefiel er auch. Es müsste schön sein, hier zu leben.

Eine aus dem Augenwinkel wahrgenommene Bewegung auf dem mit Buschwerk gesäumten Feldweg, der in Sichtweite an ihrem Anwesen vorbeiführt, reißt Giulia aus ihren Erinnerungen. Dort unten geht eine Frau. Daran ist eigentlich nichts Bemerkenswertes, immerhin ist es ein öffentlicher Weg, der neben landwirtschaftlichen Fahrzeugen häufig von Spaziergängern und Radfahrern genutzt wird. Für gewöhnlich nimmt Giulia kaum Notiz von ihnen, heute jedoch ist es anders. Statt sich abzuwenden, beobachtet sie die ihr fremde Passantin. Mit flotten, raumgreifenden Schritten schreitet sie dahin. Plötzlich wendet sie den Kopf, und für einen Moment hat Giulia den Eindruck, als sähe sie ihr direkt ins Gesicht. Der Blickkontakt dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, denn gleich darauf verdecken am Wegrand wachsende Büsche die Wanderin. Eine Täuschung, denkt Giulia, verlässt die Terrasse und macht sich auf den Weg in die Küche.

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